
Zehn
Thesen zur Zukunft der Gastronomie in Deutschland
(Anm.: und
in Österreich)
1. Die
Denkrichtung muss sich umkehren.
Kundenorientierung heißt, nicht von der Küche zum Gast, sondern
vom Gast zur Küche zu denken. Längst gehorcht die Gastronomie,
wie viele andere Sektoren, den Gesetzmäßigkeiten eines Käufermarktes,
der diesen Blickwechsel erzwingt. Vor allem anderen hat sich jeder
Unternehmer die Frage nach dem Nutzen seines Leistungspaketes für
seine Klientel zu stellen.
Der Charakter der Dienstleistung - und nur im Ausnahmefall küchentechnische
Maßgaben - definiert den adäquaten Standort, das
korrespondierende Angebot, das richtige Preisniveau: ja, den
konzeptionellen Auftritt insgesamt. Tendenziell führt die
Entwicklung hin zu Spezialisten und weg von Generalisten.
2. Gastronomie
ist keine unternehmerische Insel.
Bäcker, Metzger, Einzelhandel, selbst Tankstellen treten verstärkt
als ihre direkten Wettbewerber auf. Der Wirtschaftszweig wächst
mit neuen, zeitangepassten Lösungen immer schneller über seine
herkömmlichen Grenzen hinaus. Gleichzeitig sehen hier Unternehmer
benachbarter Branchen
vermehrt ein zusätzliches Betätigungsfeld. Beides
ergibt eine neue, offenere Formierung des Sektors - die Übergänge
verwischen sich. Beschleunigt und begünstigt wird diese
Entwicklung durch extrem niedrige Zugangshürden sowie den
Diversifikationsdruck aller Food- und Nonfood-Anbieter, deren
Kernmärkte schrumpfen.
3. Die Ansprüche
der Verbraucher polarisieren radikal.
Das unprofilierte Mittelfeld der Branche gerät unter Druck und
wird ausgedünnt. Gastronomie hat Millionen Konsumenten entweder
ein echtes Ausgeh-Erlebnis zu sein oder Versorgungsfunktion im
Alltag zu übernehmen. Einerseits Zeitvertreib - andererseits
Zeitersparnis. Immer weniger ist sie Selbstzweck als kulinarische
Veranstaltung; immer mehr werden ihre Leistungen verknüpft mit
Unterhaltungs- oder Convenience-Ansprüchen. Das hat kaum etwas
mit Arm und Reich zu tun, jeder pendelt mehr oder weniger zwischen
den Extremen. Nutzungsentscheidungen werden situativ gefällt.
4.
Standorterfolg wird immer komplexer.
Neue Betriebe entstehen typischerweise dort, wo sich Einkaufs-,
Freizeit- und Verkehrsoptionen häufen. Je höher Angebotsdichte
und -vielfalt, desto größer Erlebnis und Bequemlichkeit für den
Verbraucher. Solitäre, wettbewerbslose Lagen wirken nur noch in
Ausnahmefällen erfolgsfördernd. Im Gegenteil, mit der
Akkumulation möglichst vieler Anbieter steigt die Attraktivität
von Lagen überproportional. Eine Art Multi-Stimulanz, die zu
immer neuen und größeren Standortallianzen führt.
5. Das
F&B-Geschäft wird trendiger und internationaler.
Die Volumen-Hochburgen Fleisch und Bier verlieren zugunsten
pflanzlicher und alkoholfreier Angebote. Inspiration für
Produktinnovationen liefert weniger Großmutters Kochbuch, eher
Reisekataloge bzw. Urlaubsziele. Multikulturelle Vielfalt
entspricht der Erwartungshaltung heutiger Verbrauchergenerationen.
Ethnisches, insbesondere durch ausländische Gastronomen
offeriert, sowie profilierte regionale Küchen existieren
selbstverständlich nebeneinander, beides gewinnt an Bedeutung.
Tendenziell bedienen sich alle modernen Konzepte aller
kulinarischen Herkunftswelten. Geht es darum, mehrheitsfähige
Angebote zu komponieren, rangiert Illusion vor Authentizität. Bei
wachsender Sensibilisierung nimmt gleichzeitig das Wissen über
Lebensmittel und deren Zubereitung ab.
6.
Das Mittags- und Abendgeschäft wächst maximal noch minimal.
Neue Umsätze resultieren primär aus 'eating around the clock'.
Die Tendenz reflektiert das Konsumverhalten der jungen Generation,
die zunehmend das starre Drei-Mahlzeiten-Schema zugunsten
situativer Verpflegung verlässt. Langfristig liegen unausgeschöpfte
Potenziale im Frühstück und insbesondere in der Nacht. Hinter
dem Phänomen stehen weniger konjunkturelle als vielmehr
soziokulturelle Veränderungen, der Bedeutungsverlust der Familie
und ihrer Ess-Rituale ist unaufhaltsam.
7. Foodservice
und stationäre Restauration waren einmal deckungsgleich.
Ein wichtiger Wachstumsweg jenseits von Sitzplatzkapazitäten
und Service am Tisch, eine Substitution von Tellerfood durch
Fingerfood bzw. Food to go.
8. Essen und
Trinken ist nur die materielle Kernleistung der Gastronomie.
In vielen und immer mehr Ausgeh-Fällen wird ein mehrdimensionales
Erlebnis erwartet. Abends und am Wochenende haben nicht nur
Kneipen, auch andere Betriebstypen primär Freizeitspaß zu ermöglichen.
Essen und Trinken transportieren in diesem Kontext maßgeblich
soziale Nähe. Konzeptionelles und unternehmerisches Selbstverständnis
müssen künftig den emotionalen Mehrwert für den Gast mindestens
gleichberechtigt neben die F&B-Leistung stellen. Letztere
allein vermittelt reizüberfluteten Verbrauchern nur im
Ausnahmefall Spannung und Vergnügen. Emotional intelligenter
Service und (Musik-) Unterhaltung rangieren in der Wahrnehmung der
Menschen auch vor Design: Software schlägt Hardware.
9.
Mitarbeiterproduktivität gewinnt existenzielle Bedeutung.
Langfristig müssen materielle Formen der Erfolgsbeteiligung
strenge Kostendisziplin ergänzen. Die Chancen, in den kommenden
Jahren Preissteigerungen durchsetzen zu können, sind äußerst
gering. Im Gegenteil, das allgemeine Preisniveau wird fallen müssen.
Nur so lassen sich rückläufige Besuchsfrequenzen verhindern.
Betriebswirtschaftliche Problemlösungen gehen in zwei Richtungen:
einerseits Effizienzsteigerung über Verlagerung von Arbeit auf
industrielle Vorstufen und rationellere Abläufe vor Ort,
andererseits eine stärkere unternehmerische Einbindung von
Mitarbeitern und Management, um hier potenzielle Ressourcen
freizusetzen.
10. Die Zahl
einheimischer Einzelbetriebe sinkt rapide.
Multiplizierte Konzepte mehren sich, Markenauftritt und System
machen Dienstleistungserfolg reproduzierbar. Anstelle des
personifizierten Wirts tritt immer häufiger eine Markenpersönlichkeit.
Der Konsument weiß, worauf er sich einlässt, die Marke
vermittelt und garantiert dort Verlässlichkeit, wo sich Gast und
Gastgeber nicht mehr persönlich kennen.
Wer im Dienstleistungsgeschäft prosperieren will, muss in aller
Regel seine Formel vervielfältigen. Es ist der einzige Weg zu
regionaler, nationaler und letztlich internationaler
Marktbedeutung.
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