
Wein: Bilder vom
Geschmack
Von
Oliver Driesen
Natürlich weiß
jeder Wein-Genießer, was einen besonderen Jahrgang seiner
Lieblingssorte so außergewöhnlich macht. Nur: Kaum jemand kann
diese geschmacklichen Eindrücke auch in Worte fassen, die jeder
versteht. Klassische Beschreibungen mit Worten wie „samtig“,
„stoffig“, „rassig“, „elegant“ etc. reichen oft nicht
aus, denn sie lassen mehrere Deutungen zu. Auf dem Annahof bei
Landau in der Pfalz gibt es nun ein neues Modell. Abstrakte Bilder
auf der Weinkarte sollen die Weine treffender beschreiben und für
mehr Verständlichkeit sorgen. Farben und Formen zeichnen dabei
den typischen Charakter jedes Rebensaftes leicht verständlich
nach.
Wein
„riechen“
Unsere Nase weiß Genaueres als unser Mund, wenn es um das
Einzigartige eines Weines geht. Denn das spezielle Aroma eines
edlen Tropfens können wir nur riechen, nicht auf der Zunge
schmecken. Die erlaubt uns nämlich nur die Grundrichtungen „süß“,
„salzig“, „sauer“ oder „bitter“ zu identifizieren. Der
„Zimt-und-Zucker-Test“ beweist das: Wer seinen Finger in ein
Gemisch aus Zimt und Zucker tunkt und mit zugehaltener Nase
probiert, wird nur „süß“ schmecken. Sobald er die Nase
wieder frei hat, kann er den Geschmack in seinem Mund zusätzlich
als „zimtig“ erkennen und vom Zucker unterscheiden.
So ist es auch mit den Weinen: Ein Riesling duftet für die
geschulte Nase nach Zitrusfrüchten, Pfirsich oder Äpfeln, ein
Grauburgunder eher holzig-erdig oder auch nach Nüssen und
Mandeln. Erinnerungen an grünes Gras und Paprika weckt der Geruch
des Cabernet Sauvignon.
Geschmack
im Bild
Der Weinexperte Martin Darting aus Wachenheim zeigt in
Fachseminaren, wie etwa Winzer ihre potentiellen Käufer ohne
viele Worte und auch ohne Probiermöglichkeit von einem Wein überzeugen
können: Abstrakte Aquarell-Bilder sollen das
Kommunikations-Problem lösen - unter Umgehung des rationalen
Denkens. Angenommen wird, dass jeder Wein typische emotionale
Schwingungen beim Weingenießer auslöst, die dieser mit dem
Pinsel intuitiv aufs Papier bringen kann. Das Charakterbild des
Weines vermittelt sich dann sehr exakt dem Betrachter - nach dem
Prinzip der synästhetischen Wahrnehmung. Dabei handelt es sich um
eine Kopplung von Sinnesreizen, in diesem Fall die Verbindung von
Geschmack und Geruch mit dem Sehen. Erstaunliches Ergebnis: Wenn
zwei Menschen unabhängig voneinander denselben Wein „malen“,
entstehen meist auch beinahe identische Bilder. Diese Erfahrung
hat zumindest Martin Darting in seinen Workshops gemacht. Damit
scheint die Bildsprache vom Wein tatsächlich universell verständlichen
Regeln zu gehorchen.
Weinkarte
ohne Worte
Für das bunte Phänomen hat man im Bio-Restaurant „Annahof“
in Albersweiler bei Landau schon eine praktische und
gastfreundliche Anwendung gefunden: Wer zum Öko-Mahl auch einen
leckeren Tropfen bestellen möchte, kann sich eine ganze
„Weinkarte in Bildern“ mit abstrakten Aquarellen für jeden
Wein bringen lassen. Sie kommt ohne viele Worte und langatmige
Beschreibungen aus. Wenn man sich auf das Spiel einlässt, kann
man die Entscheidung nun ganz seinem Gefühl überlassen.
Veröffentlichung
mit freundlicher Genehmigung von Oliver Driesen
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