2.
Quo Vadis
Schule?
Große dicke Krokodilstränen laufen über das Gesicht des
Achtjährigen. Unfähig ein verständliches Wort zu sagen, sitzt er
da und kann es gar nicht fassen. "Es war gerade so schön und
jetzt muss ich hier weg." Und wieder Schluchzen und Heulen, dass
einem kalt um Herz wird.
Was hier so klingt als wären herzlose Eltern dabei das eigene
Kind von einer lustigen Party nach Hause zu holen, ist reine
Fantasie. Nämlich meine Vorstellung von Schule. Stellen Sie sich
doch vor, wie das die Welt verändern würde, wenn Schule ein Ort
der Freude, der Neugierde und der Herausforderung, ja sogar der
Motivation wäre. Wenn tatsächlich Jungs und Mädchen weinen
würden, wenn der Unterricht zu Ende ist.
Schule als Ort der Freude? Als ein Ort, an dem alle Beteiligten
mit Begeisterung und Hingabe agieren? Mit Lehrern, die mit
leuchtenden Augen von interessanten Dingen erzählen, die Kinder
anstecken mit ihrer eigenen Begeisterung? Die als Vorbild für
Motivation wirken? Die selbst angesteckt sind vom Eifer des
Lernens und von der Faszination des Neuen? Die ...
Ja, ich weiß .. Ich höre Sie schon sagen. Das gibt s nicht. Das
ist reiner Idealismus. Das ist unvorstellbar. Ist es das
wirklich? Gibt es denn in der Schule nicht Momente, in denen
dieser Geist aufblitzt?
Ich selbst war ein sehr schlechter Schüler und hasste diese
Institution. Heute, mit dem Abstand von mehr als 30 Jahren - und
mittlerweile unterrichte ich selbst an einer Tourismusschule -
kenne ich einige Faktoren, die mich damals abstießen. Da
erinnere ich mich natürlich an den Psychopathen, der sein
mangelndes Selbstwertgefühl auf meinem Rücken aufpolieren
wollte. Der mir bereits in der ersten Stunde des neuen
Schuljahres prophezeite, dass ich in beiden Fächern, in den er
mich dieses Jahr unterrichtet, negativ abschließen werde. Der
mir insgesamt 16 A3-Blätter mit 3,5mm Normschrift (wenn Sie
wirklich gut sind, brauchen Sie für eines etwa 3 Stunden) als
Heimarbeit auftrug, weil ich begonnen hatte, meine Hefte zu
vergessen. Warum ich die vergaß? Na, ich wusste doch, dass er
alle meine Hausübungen schlecht benoten würde und das führte
dann dazu, dass ich gar keine Hausübungen mehr machte. Meine
Motivation war auf dem aboluten Tiefpunkt. Ich will mich hier
nicht verteidigen, aber als 13jähriger sah ich tatsächlich keine
andere Chance, mich zu wehren. Ich fühlte mich diesem Mann
hilflos ausgeliefert. Dies führte natürlich auch dazu, dass ich
andere Fächer ebenfalls lustlos über mich ergehen ließ. Die
Folge? Sie ahnen es bestimmt. Ich bin sitzengeblieben. Mit
Pauken und Trompeten natürlich.
"Kinder, die in unserem Schulsystem gute Noten haben, sind
entweder genial oder gestört!", so, lautet ein Ausspruch von
Günter Funke. Unser lieber Freund aus Berlin hat hier den Nagel
auf den Kopf getroffen. Entweder sind Kinder so genial, dass sie
das Geschehen im Unterricht ohne viel Aufwand aufnehmen und
erstklassig wiedergeben können oder so gestört, dass sie ihren
Selbstwert an der Note aufhängen. Wenn ich eine gute Note
schreibe, dann bin ich etwas wert, dann werde ich geliebt. Dann
sind Mama und Papa lieb zu mir und zeigen, dass sie stolz auf
mich sind. Außerdem bekomme ich dann auch Geld dafür. Für jede
gute Note einen Euro. Ach ist das schön!!!
Und die Folgen? So erzieht man Perfektionisten, die ihr Leben
lang auf der intensiven Suche nach Anerkennung und
Aufmerksamkeit sind. Die im Grunde ihres Herzens gelernt haben,
dass nicht sie als Person geliebt werden, sondern nur die
Leistung zählt.So zieht man Histrioniker groß, die spüren, dass
sie selbst nicht wichtig sind und bis an ihr Lebensende
krankhaft süchtig nach Bedeutung sind und deshalb bei jeder
Party das große Wort führen müssen. Dahinter stecken aber arme
Seelen, die dringend therapeutische Hilfe benötigen würden.
Natürlich kann man nicht alles auf die Schule schieben, aber
eine Teilschuld besteht hier allemal.
Vor einigen Monaten traf ich eine Bekannte aus meiner
Jugendzeit, die jetzt mit Lehrern arbeitet. Nämlich mit
Burn-out-Erkrankten. Ich traute meinen Ohren kaum. Da sind
Menschen darunter, die mit 30 Jahren ihren Beruf nicht mehr
ausüben können. Leer, ausgebrannt, am Ende. Dramatisch wird die
Sache, wenn man bedenkt, dass ein Lehrer mit seiner Ausbildung
ja nur als Lehrer arbeiten kann. Ohne Zusatzausbildung und
eigenes Engagement öffnen sich kaum andere Berufschancen. Da
sitzt also eine 30jährige und hat als einzige Perspektive die
Frühpension. Quo vadis Schulsystem?
Was kann man tun? Nun, ich spreche hier nur für mich. Ich
gestalte meinen Unterricht ganz bewusst anders als die meisten
Lehrer. Dass hat mir auch schon Kritik eingebracht und sogar die
Anordnung, mich mehr an herkömmliche Lehrmethoden zu halten.
Kurz habe ich überlegt alles sofort hinzuwerfen. Aber damit
hätte ich nichts verändert. Ich habe einen Gang zurückgeschaltet
und mache weiter. Wie? Lebendig, lustig, spannend, interessant
und vor allem mit viel Herz. Woran ich merke, dass die Schüler
mit Eifer dabei sind und den Unterreicht genießen? Am meisten
wohl an den oftmaligen Standing Ovations mit Applaus, wenn ich
meinen Unterricht beende. Auch an den Kommentaren von Schülern,
die mich bitten doch mehr Stunden zu übernehmen. Und natürlich
daran, dass immer wieder ehemalige Schüler mit
Intitiativbewerbungen bei Gastlichkeit & Co vorstellig werden.
Was können Sie tun? Geben Sie weniger auf Noten. Gleichen Sie im
privaten Bereich das Manko des Schulsystems aus. Leben Sie mit
Neugierde, Freude, Enthusiasmus, Humor und mit viel Herz den
Kindern vor, was wirklich wichtig ist. Und vor allem, fördern
Sie gute Lehrer. Erzählen Sie von denen. Berichten Sie von den
großen Kinderaugen, wenn diese von großartigen Lehrer erzählen.
Machen Sie aufmerksam, dass es nicht die Noten sind, die
Lebenskompetenz hervorbringen. Engagieren Sie sich in
Elternvereinen und üben Sie einen positiven Einfluss aus. Die
nächste Generation wird es Ihnen danken.
"In da Schui lernst des, wosd eh´ net brauchst und den Rest
wirst schon erfohrn!" Bayrischer Sinnspruch.
So schlimm ist es (hoffentlich) bei Ihnen nicht. Aber vermutlich
ist auch hier ein Körnchen Wahrheit enthalten.
Wie denken Sie darüber? Schreiben Sie mir.
Kurt Steindl
PS: Übrigens, die Lehrkraft, die mich anschwärzte, ist nun
schwer krank und kann nicht mehr unterrichten. Ich wünsche auf
diesem Weg aufrichtig gute Besserung und Gelegenheit über die
eigene Einstellung nachzudenken.
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