|
1.
Fünf Prinzipien auf dem Weg des
Meisters (Teil 5)
Das fünfte Prinzip:
Des Messers Schneide
Nun kommen wir zu
einem scheinbaren Widerspruch, einem Paradoxon. Diejenigen, die
wir als Meister erkennen, haben sich nahezu ausnahmslos den
Grundlagen ihrer Berufung gewidmet. Sie sind Begeisterte der
Übung und genießen selbst die winzigsten Fortschritte.
Gleichzeitig sind diese Menschen, diese Meister - und das ist
das Paradoxe - genau diejenigen, die bisherige Begrenzungen
überwinden wollen, die um
der Leistungssteigerung willen Risiken eingehen und die davon
manchmal sogar wie besessen sind: Es ist ganz klar - für sie
gibt es kein Entweder-Oder, sondern nur ein Und.
Sie wollen beides.
Auf des Messers Schneide zu wandeln ist ein Balanceakt, der
ausreichend Bewusstheit verlangt, um zu erkennen, wann man sich
auf dünnes Eis begibt. Wenn man im Besitz dieser Bewusstheit
ist, kann man sich unter Umständen dafür entscheiden, das Risiko
einzugehen. Dieses Prinzip lässt sich gut beim Laufen beobachten
- einem Sport, der so rein ist, dass nichts auf Dauer verborgen
bleiben kann. Wer schnell und lange laufen will, wandelt fast
immer auf des Messers Schneide.
Es soll hier nicht in Abrede gestellt werden, dass Läufern - und
besonders den Anfängern in diesem Sport - ungefährliche und
vernünftige Programme angeboten und dass sie über die Gefahren
und Fallstricke des Laufens aufgeklärt werden sollten.
Denjenigen, die aus dieser Sportart einen ganz bestimmten Nutzen
ziehen wollen - Gewichtsabnahme, Stressreduzierung, ein gesundes
Herz -, sollte dies ermöglicht werden, aber wollte man die
Auseinandersetzung mit dem Laufen nur auf diese praktischen
Erwägungen begrenzen, hieße das, den menschlichen Geist zu
erniedrigen. Es gibt viele Menschen, die nicht laufen, um
abzunehmen, sondern um die Fesseln einer mechanisierten Kultur
abzuwerfen, nicht, um den Tod hinauszuschieben, sondern um das
Leben zu genießen. Für diese Läufer haben die Ermahnungen jener
Kritiker, die vor den Gefahren des Sports warnen, rein
akademischen Charakter. Sie laufen auf eine bewusste Weise, als
gut informierte, mündige Erwachsene, um über ihre bisherigen
Grenzen hinauszugehen und zu sehen, was in ihnen steckt. Das
kann bedeuten, dass jemand zum ersten Mal eine ganze Runde im
Stadion läuft, ohne zwischendurch ins Schritttempo zu fallen,
oder dass jemand um den Sieg im Triathlon kämpft, wie in der
folgenden Geschichte aus der American Medical News berichtet
wurde.
„Nur wenige Momente in der Geschichte des Sports verkörpern die
Agonie einer Niederlage so deutlich wie der Augenblick, als die
23jährige Julie Moss in der
Hawaii-Ironman-Triathlon-Weltmeisterschaft der Frauen im
43-Kilometer-Marathonlauf in Führung lag. Etwa hundert Meter vor
der Ziellinie fiel Moss auf die Knie. Dann erhob sie sich, lief
ein paar Meter und brach erneut zusammen. Vor den laufenden
Fernsehkameras verlor sie die Kontrolle über ihre Muskeln. Sie
raffte sich wieder auf, lief, fiel und fing dann an zu kriechen.
Von der Zweitplazierten überholt, kroch sie über die Ziellinie,
streckte ihren Arm aus und verlor das Bewusstsein.“
Jim McKay von ABC Sports nannte es „heroisch ... einer der
größten Augenblicke in der Geschichte der Sportübertragungen“.
Dr. Gilbert Lang, ein orthopädischer Chirurg am Roseville
Community Hospital in Kalifornien und erfahrener
Langstreckenläufer, nannte es „dumm - und beinahe tödlich.“
Sowohl Lang als auch McKay haben recht: es war dumm und
heroisch. Natürlich sollte kein Läufer ermutigt werden, sich bis
an die Grenze des Todes zu verausgaben. Aber was für eine
ärmliche und farblose Welt hätten wir ohne solche Heldentaten?
Vielleicht wäre es überhaupt keine menschliche Welt, denn in
prähistorischen Zeiten muss es unzählige Momente gegeben haben,
in denen sich primitive Jäger auf diese Weise aufgeopfert haben,
damit die Mitglieder ihres Klans, unsere Urahnen, überleben
konnten. Menschen wie Julie Moss laufen für uns alle und
bekräftigen unser Menschsein, unsere Existenz schlechthin. Und
wir haben Grund zu der Annahme, dass die meisten der Menschen,
die wir als Meister erkennen, ihr dummes und heroisches
Verlangen teilen, bis an die Grenze der Belastbarkeit zu gehen,
um jeden Preis ins Ziel zu kommen, das Unerreichbare zu
erreichen.
Doch bevor Sie mit dem Gedanken spielen können, auf des Messers
Schneide zu wandeln, liegen viele Jahre der Unterweisung, Übung,
Hingabe und Intention vor Ihnen. Und danach? Weiteres Training,
weitere Zeit auf dem Plateau: weiter auf dem niemals endenden
Weg.
|