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1.
Fünf Prinzipien auf dem Weg des
Meisters (Teil 3)
Das dritte Prinzip: Hingabe
Der Mut eines Meisters
lässt sich an seiner Bereitschaft messen, sich hinzugeben,
aufzugeben. Das bedeutet, sich einem Lehrer und den
Anforderungen der gewählten Disziplin auszuliefern. Es bedeutet
auch, von Zeit zu Zeit Ihr Können, das Sie sich so schwer
erarbeitet haben, loszulassen, um eine höhere oder andere Stufe
des Könnens zu erreichen.
Die
frühen Phasen eines jeden wichtigen Lernprozesses sind mit dem
„Geist des Narren“ verwoben. Es ist fast unvermeidlich, dass Sie
sich ungeschickt vorkommen, dass Sie tatsächlich oder im
übertragenen Sinne auf die Nase fallen. Daran führt kein Weg
vorbei. Der Anfänger, der an seiner Würde festhält, wird rigide
und wie gepanzert - er kann nichts wirklich aufnehmen. Das heißt
nicht, dass Sie Ihre physische Mitte oder moralische Integrität
aufgeben oder Lehren, die schlecht für Sie sind, passiv
akzeptieren sollen. Aber da Sie sich bereits einen Lehrer
ausgesucht haben (siehe Prinzip 1), ist nun die Zeit gekommen,
sich auf etwas Neues einzulassen. Wenn Ihr Lehrer Sie also
gleich zu Beginn auffordert, einen Finger auf die Nase zu legen
und auf einem Bein zu stehen, sollten Sie sich dem hingeben - es
sei denn, es existiert ein zwingender Grund, es nicht zu tun.
Machen Sie den Versuch!
Letzten Endes bringt
das Erlernen einer jeden Fertigkeit ein gewisses Maß an
Demütigungen mit sich. Ihre ersten Kopfsprünge werden
wahrscheinlich Bauchfleck werden und die Aufmerksamkeit anderer
erregen. Sind Sie bereit, das zu akzeptieren? Wenn nicht,
sollten Sie das Turmspringen aufgeben. Das Porträt, das Sie in
der ersten Stunde Ihres Kunstunterrichts zeichneten, sah
vermutlich mehr einem Ottifanten ähnlich als der Mona Lisa.
Hätten Sie deshalb das Malen aufgeben sollen? Und wie steht es
mit den zitternden Knien bei den ersten Eislaufversuchen? Und
mit dem Sturz auf das Eis mit dem Hintern vorneweg? Niederlagen
dieser Art gibt es nicht nur bei Anfängern, sie geschehen sogar
bei der Olympiade. Wenn Sie es zu etwas bringen wollen, sollten
Sie diese Tatsache akzeptieren.
Und denken Sie auch an
die endlosen Wiederholungen, die Quälerei, die Grundtechniken,
die immer wieder geübt werden müssen. Nur ein Narr kann sich auf
eine Karriere als Musiker einlassen, wo er doch genau weiß, dass
er die Tonleitern vielleicht hunderttausend Mal wiederholen
muss. Für manche Menschen sind allein diese Aussichten schon
Grund genug, sich jeder Form der Hingabe zu widersetzen. In
Wahrheit liegt die Ursache der Langeweile in der zwanghaften
Suche nach etwas Neuem. Doch die wahre Befriedigung lässt sich
in der aufmerksamen Wiederholung finden, in der Entdeckung eines
unendlichen Reichtums in den feinen Variationen eines vertrauten
Themas.
Schwertmeister und
Schüler
Die
Literatur des Ostens enthält viele Geschichten über
Schwertmeister und ihre Schüler. Sie alle folgen etwa dem
gleichen Schema: Ein junger Mann hört von einem
Schwertmeister, der in einer weit entfernten Provinz lebt. Nach
einer langen und anstrengenden Reise klopft er an die Tür des
Meisters und bittet darum, als sein Schüler aufgenommen zu
werden. Der Meister knallt ihm die Tür vor der Nase zu. Aber der
junge Mann kommt Tag für Tag wieder, setzt sich vor des Meisters
Haus und wartet. Ein Jahr vergeht; der Meister gestattet dem
jungen Mann widerwillig, ihm im Haus zu helfen, Holz zu hacken,
Wasser zu holen. Monate vergehen, vielleicht Jahre. Eines
Morgens greift der Meister den jungen Mann ohne jede Warnung von
hinten mit einem Bambusschwert an, einem Shinai. Der Meister hat
damit begonnen, ihn Aufmerksamkeit zu lehren. Schließlich reicht
der Meister dem Schüler ein eigenes Shinai und lehrt ihn die
Kunst des Schwertes, der sich der Schüler bereits die ganze Zeit
über hingegeben hatte.
Es
mag sein, dass eine solche Geschichte keine große Bedeutung in
einer Nation hat, in der ein Buch, das verspricht, in zwölf
Minuten pro Woche fit zu werden, zum Riesenbestseller wurde.
Dennoch wohnt dem Mythos des Schwertmeisters genug Kraft inne,
um unsere Kultur zu durchdringen, wenn auch nur in einer
amerikanisierten Fassung. Der erste und beste der
Karate-Kid-Filme verkürzt die Jahre des Mythos zu wenigen
Monaten, in denen der Schüler den Zaun des Karate-Meisters
streicht und seinen Wagen poliert, statt Holz zu hacken und
Wasser zu holen.
Die
Hingabe an den Lehrer und an die Grundlagen der Kunst sind aber
nur ein Anfang. Es kommt eine Zeit, da es notwendig wird,
bestimmte hart erarbeitete Fähigkeiten aufzugeben, um die
nächste Stufe zu erklimmen. Das trifft besonders dann zu, wenn
man sich mit seinen Fähigkeiten auf einer äußerst vertrauten und
angenehmen Ebene befindet. Denken Sie einmal über die folgende
Parabel nach: Auf einem Tisch steht eine Flasche Milch in
Reichweite, doch Sie halten eine Tasse Milch in der Hand und
haben Angst, diese loszulassen, um nach der Flasche zu greifen.
Ihre Angst ist nicht völlig unbegründet. Wenn Sie im Golf einen
Durchschnitt von neunzig hatten und ihn auf achtzig oder siebzig
verringern möchten, kann es sein, dass Sie selbst die Neunzig
eine Zeitlang aufgeben müssen. Es ist möglich, dass Sie Ihre
Technik völlig auseinandernehmen müssen, bevor Sie sie wieder
neu zusammenfügen können. Das trifft auf beinahe jede Fertigkeit
zu.
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