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1.
Fünf Prinzipien auf dem Weg des
Meisters (Teil 2)
Das zweite Prinzip:
Übung
Es gibt
einen alten Witz, den ich an dieser Stelle erzählen möchte: Ein
Paar aus Texas hat sich auf dem Weg zu einem Konzert in New York
verfahren. Sie halten erschöpft an und fragen einen älteren,
bärtigen Mann: "Wie kommt man denn bloß zur Carnegie Hall?“
– „Üben“, sagt er.
Die
Bedeutung des Wortes Übung ist klar. Übung macht den
Meister, man übt auf der Trompete, man übt seine Tanzschritte
ein, man übt das Einmaleins, man übt seinen Kampfeinsatz. Übung
in diesem Sinne ist etwas, was sich vom Rest des Lebens abhebt.
Man übt, um eine bestimmte Fertigkeit zu erlangen, um sich
selbst zu verbessern, um weiterzukommen, Ziele zu erreichen,
Geld zu verdienen. Diese Auffassung von Übung ist in unserer
Gesellschaft von Nutzen. So gesehen muss man üben, wenn man in
die Carnegie Hall will.
Für
jemanden, der sich auf dem Weg des Meisters befindet, wird Übung
im Sinne von Praxis nicht als etwas verstanden, das man tut,
sondern als etwas, das man hat, als etwas, das man
ist. In dieser Bedeutung ähnelt sie dem chinesischen Wort
Tao und dem davon abgeleiteten japanischen Wort Do,
die beide wörtlich Weg oder Pfad bedeuten. So
gesehen ist Übung der Weg, auf dem man geht - nichts weiter.
Übung als Praxis kann alles sein, was man regelmäßig als einen
wesentlichen Bestandteil seines Lebens ausübt - nicht, um etwas
zu erreichen, sondern um seiner selbst willen. Das kann eine
Sportart sein oder eine Kampfkunst, das kann Gartenarbeit sein
oder Bridge, Yoga, Meditation oder freiwillige Arbeit im
sozialen Bereich. Ein Arzt praktiziert Medizin und ein Anwalt
Recht, und beide haben eine Praxis. Aber wenn diese Praxis nur
aus einer Ansammlung von Patienten oder Klienten besteht, wenn
sie nur dem Geldverdienen dient, ist es nicht die Praxis eines
Meisters. Der Meister nimmt die Belohnungen gerne an, die am
Wegesrand auf ihn warten, aber sie sind nicht der Hauptgrund für
seine Reise. Letztendlich sind der Meister und der Weg des
Meisters eins. Und wenn derjenige, der sich auf dem Weg
befindet, Glück hat, das heißt, wenn der Weg komplex und
unergründlich genug ist, so liegt das Ziel immer drei Kilometer
weiter entfernt als die Wegstrecke, die er soeben zurückgelegt
hat.
Meister widmen sich nicht ihrem speziellen Gebiet, um es einfach
besser zu beherrschen. In Wahrheit lieben sie die Übung, und aus
diesem Grunde werden sie besser.
Besondere Fähigkeiten, auf die man in den Kampfkünsten, dem
Sport und Tanz, der Musik und ähnlichen Künsten treffen kann,
bieten ausgezeichnete Beispiele für die richtige Einstellung
gegenüber der Übung. Darüber hinaus liegt dieses zweite Prinzip
der Meisterschaft jedoch einer Vielzahl menschlicher Bemühungen
zugrunde. Gute Geschäftspraktiken erfordern es, dass Manager
ihren Betrieb ständig auf dem neuesten Stand halten und solch
fundamentalen Dingen wie dem Budget, der Auftragsabwicklung und
Qualitätskontrolle eine besondere Aufmerksamkeit schenken.
Stabile Familien vollziehen ungeachtet der Hetze und der
Ablenkungen des Alltags ganz bestimmte Rituale. Das kann zum
Beispiel bedeuten, dass alle Familienmitglieder einmal am Tag in
Ruhe miteinander essen. Auch Nationen haben ihre Rituale, wie
man an den regelmäßig stattfindenden und allseits beliebten
Feiertagen sehen kann.
Regelmäßiges Üben, besonders wenn man anscheinend keinen
Fortschritt dabei macht, scheint zunächst einmal lästig zu sein.
Aber irgendwann kommt der Tag, an dem das Üben zu einem nicht
mehr wegzudenkenden Teil des Lebens wird. Man gibt sich der
Übung auf die gleiche Weise hin, wie man sich in seinen
Lieblingssessel setzt, ohne Gedanken an die Zeit und die Unruhen
in der Welt. Diese werden auch morgen noch da sein, sie werden
niemals verschwinden.
„Wie lange werde ich brauchen, um Aikido zu beherrschen?“ fragt
ein angehender Schüler. „Wie lange werden Sie leben?“ ist die
einzig ehrliche Antwort. Letztendlich ist die Übung der Weg des
Meisters. Wenn man diesen Weg lange genug beschreitet, entdeckt
man, dass es ein sehr lebendiger Pfad ist, mit Höhen und Tiefen,
herausfordernd und tröstlich, überraschend und enttäuschend,
voll uneingeschränkter Freude. Auf dieser Reise zieht man sich
Beulen und blaue Flecken zu - Beulen am Ego wie auch an Körper,
Geist und Seele -, aber sie kann zu dem ruhenden Pol Ihres
Lebens werden. Es ist natürlich auch möglich, dass Sie
letztendlich in dem von Ihnen gewählten Gebiet Erfolg haben
werden, falls Sie das möchten, und dass die Menschen Sie als
Meister bezeichnen werden.
Aber darum geht es ja eigentlich nicht. Was ist Meisterchaft?
In ihrem innersten Kern ist Meisterschaft Übung. Meisterschaft
bedeutet, auf dem Weg weiterzuschreiten.
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