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Kurt H. Steindl beim Referat |
Lust an Leistung -
vom Managen zur Führungskunst
Auszug aus
einem
Vortrag anlässlich des Symposiums 2004
"Führungskräfteentwicklung im Wandel" an der
Johannes-Kepler-Universität Linz von Kurt H. Steindl,
Akademischer Trainer
Warum wollen
wir mit Arbeit möglichst wenig zu tun haben?
Arbeit
wird im Wesentlichen als etwas Negatives , etwas Unangenehmes,
das man tunlicht auf ein Minimum beschränken sollte, gesehen.
Die Gesellschaft fordert immer weniger Arbeit und immer mehr
Freizeit. Immer weniger eigene Anstrengung und immer mehr
externe Lustbefriedigung. Dass es den Beruf des Animateurs in
den Urlaubsclubs gibt, ist dafür ein deutliches Zeichen. Fast
hat man den Eindruck, wir wollen uns zu Tode amüsieren. Dabei
erhebt ich gleich noch eine Frage: Warum steigen gerade in den
hoch entwickelten und wohlhabenden Industrieländern die
Selbstmordraten, der Drogenkonsum und die Unzufriedenheit?
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Bundespräsident Dr. Heinz Fischer beim Symposium
v.l.n.r.: Kurt H. Steindl, Erich Kremsmair, Dr. Heinz
Fischer,
Prof. Dr. Gerhard Niedermayr |
Von Cube
(2000) hat darauf folgende Antwort: „ Das Streben des Menschen
nach immer mehr Lust und immer weniger Anstrengung führt zu
verheerenden Konsequenzen. Verwöhnte Menschen werden krank,
aggressiv, süchtig“ (von Cube, F. 2000, S. 75).
Ist also
Arbeitszeitverkürzung ein Schritt in die falsche Richtung?
Sollten wir stattdessen wieder mehr Zeit am Arbeitsplatz
verbringen? Haben die Siemensmanager die Zeichen der Zeit
richtig erkannt, indem sie von ihrer Belegschaft eine Erhöhung
der Wochenarbeitszeit verlangen? Ist unser Herr Finanzminister
auf dem rechten Weg, wenn er die Abschaffung kirchlicher
Feiertage wünscht?
Lust an
Leistung
(vgl. von Cube, F. 2000, Buchtitel).
Die Antwort lautet ganz eindeutig „JA!“ Den Menschen muss die
Möglichkeit geboten werden, Leistung erbringen zu dürfen. Stolz
auf ihr tägliches Werk sein zu können. Energie und Glück aus
einer anspruchsvollen Tätigkeit schöpfen zu können. Der
Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi hat in seinen Schriften
den Ausdruck „Flow“ geprägt. Wenn die Fähigkeiten und
Anforderungen an den Menschen hoch sind, kann er in seiner
Tätigkeit voll aufgehen, ein Flow-Erlebnis generieren.
Csikszentmihalyi geht sogar noch einen
Schritt weiter und bezeichnet es als Glück, dass Menschen in
diesem Flow-Zustand erleben. Leider beschränken sich die meisten
Flow-Erlebnisse heutzutage auf die Freizeit. Wer im Berufsleben
keine Chance auf Flow hat, sucht dieses Gefühl vielleicht in
einem Verein oder im Sport.
„Denken Sie
nicht, dass Bungee-Jumping, Canyoning, River-Rafting oder
dergleichen, ein Ausdruck einer hoch entwickelten
Freizeitgesellschaft sind. Weit gefehlt, es ist höchstens
Ausdruck mangelnder Herausforderung im Berufsleben“, soweit der
Freizeitforscher Horst Opaschowski aus Hamburg (zitiert in
Kobjoll, K. 1993).
„Die meisten
Führungskräfte sehen ihre Aufgabe im Managen und Organisieren
und vergessen dabei aufs Führen“ (Steindl, K. H. zitiert in
Seminarunterlagen „Führen mit Herz“ von Gastlichkeit & Co, 2003.)
Der Taylorismus
ist offenbar noch immer zu tief in den Köpfen der
Unternehmensleitungen verwurzelt. Mitarbeiter bei
Entscheidungsfindungsprozessen, Produktentwicklungen oder noch
dramatischer, bei Visions- und Sinnfindung auszuschließen,
bedeutet intrinsische Motivation
zu verunmöglichen.
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Prof. Dr. Wolfgang Wittwer,
Uni-Bielefeld als Referent beim Symposium |
Worin
besteht also der wesentliche Unterschied zwischen einem Manager
und einer Führungskraft?
Covey (1992) hat es in einem Gleichnis auf den Punkt gebracht:
Ein Manager sorgt dafür, dass die Leiter sicher an der Wand
steht und ist seinen Mitarbeitern behilflich, diese erfolgreich
zu erklimmen. Die Führungskraft sorgt dafür, dass die Leiter an
der richtigen Wand steht. Diese Metapher zeigt anschaulich den
Unterschied zwischen den Begrifflichkeiten managen und führen.
Definitionen
„Management wird im allgemeinen definiert als - die Dinge
durch andere erledigen lassen. Im Vergleich dazu wird
Führung definiert als - andere dazu bringen, die Dinge zu
erledigen“ (Dilts, R.B. 1998, S. 17). Führung hat also mit
Beeinflussung und Motivierung zu tun, mit sozialer Kompetenz.
Führungskunst bedeutet aber auch Voraussicht. Die Fähigkeit
langfristig strategisch zu denken, über Visionen und Ziele seine
Aufgaben zu erfüllen. Nach ethischen Grundsätzen zu handeln und
das Streben nach der Vervollkommnung seines Charakters.
Führung
agiert eher nach dem Motto: „Das Wichtige zuerst“. Dies hat
allerdings weniger mit dem Setzen von Prioritäten zu tun, als
vielmehr mit der Erkenntnis, dass ein erfülltes Arbeitsleben nur
mit der Besinnung auf Langfristigkeit zu erreichen ist. Hier
greifen populäre Managementtools zu kurz. Um Missverständnisse
auszuschließen sei hier der Ordnung halber erwähnt, dass eine
Führungskraft natürlich auch managen muss. Aber eben nicht nur.
Management ist demnach als Teilmenge von Führung zu verstehen.
Wesentlich
bei Führung sind:
Visionen,
Werte und Ziele
Diese sind ausnahmslos gemeinsam mit den Betroffenen zu
entwickeln und zu verfolgen. Es muss
Sinn und Identität gestiftet werden. Mitarbeiter wollen wissen,
wohin die Reise geht und wozu sich die Mühe lohnt. Eine
kraftvolle Vision kann nicht verordnet werden. Es ist vielmehr
ein evolutionärer Prozess, an dem alle Beteiligten sich aktiv
einbringen müssen.
Unterstützung der Mitarbeiter
Ein positives Betriebsklima ermöglicht Innovation und effiziente
Teamarbeit und schafft darüber hinaus das Umfeld für
intrinsische Motivation. Durch aufrichtige Leistungsbeurteilung
vorhandene Stärken stärken und konstruktives,
ehrliches Feedback über die wahrgenommene Leistung des
Mitarbeiters geben. Problemlösungen nicht vorgeben, sondern
eigenständig erarbeiten lassen.
Kommunikation
Anita Roddick, Gründerin der Body-Shops sagt über die Bedeutung
von Kommunikation: „Für mich ist das eine der wichtigsten
Führungsqualitäten überhaupt. Denn wie sehr Sie sich auch für
eine Sache begeistern – wenn Sie Ihre Begeisterung nicht auf
packende und unterhaltsame Weise vermitteln können und wenn Sie
selbst die notwendige Begeisterung – einer der überzeugendsten
Formen von Kommunikation – erst gar nicht aufbringen, dann
können Sie genauso gut wegbleiben. Ich habe so viele Leite mit
so guten Absichten erlebt – und dann quälen Sie sich ab. Sie
kennen sich einfach nicht aus damit. Es ist eine Kunst. Es ist
eine regelrechte Kunst, eine Fertigkeit“ (zitiert in
Csikszentmihalyi, M. 2004, S. 159). Ich denke, damit ist der
Stellenwert der Kommunikation eindeutig beschrieben.
Was bedeutet
Führung im Kontext Organisationsentwicklung?
Führung bedeutet Zeit und Raum geben. Die Gruppe (das System)
organisiert und optimiert sich laufend selbst, wenn Sie
Verantwortung übertragen bekommt und nicht von oben übersteuert
wird. Dann erreicht sie das ihr am besten passende (optimale)
Ergebnis. Dies hat der Evolutionsphysiker Manfred Eigen anhand
von Molekülen und deren Mutanten nachgewiesen (vgl. Eigen, M. in
GEO-Wissen 2/1990, S. 84). Es ist wichtig kreative Freiräume zu
schaffen und vorhandene Strukturen aufzulösen, Teambildungen zu
forcieren, Fehlerfreudigkeit zu leben statt zu kritisieren,
Konfliktlösungsrituale zu schaffen, individuelle Problemlösungen
- ohne konkrete Handlungsvorgaben – und damit
Selbstorganisation zu ermöglichen.
Als eine der
wichtigsten Kriterien von effizienter Führung bezeichne ich,
gerecht zu sein. Alle Mitarbeiter gleich behandeln zu wollen,
ist schon aufgrund der Verschiedenartigkeit der Individuen nicht
angebracht. Die Erwartungen, Wünsche Träume, Ängste sind einfach
zu verschieden. Mitarbeiter gerecht zu behandeln bedeutet
natürlich auch, persönliche Vorlieben oder Antipathien
glaubwürdig zurückzustellen.
Führung
bedeutet Hoffnung, Vertrauen und Sinn schaffen.
Wie können
langfristige Strategien im Spannungsfeld von Shareholder Value
und unternehmerischen Visionen wirkungsvoll bestehen?
Möglichweise besteht der einzig gangbare Weg in der Orientierung
auf eine verantwortungsvolle Unternehmensethik.
Der kategorische Imperativ von Emanuel Kant kann dabei
behilflich sein. Eine gelebte Gesinnung, die der Gesellschaft,
dem Allgemeinwohl aufrichtig dienen will, braucht sich um Zulauf
von Kunden kaum zu kümmern. Wer die Probleme anderer in Demut
ernst nimmt – das heißt ohne (materielle) Hintergedanken,
sondern wahrhaft ehrlich und aufrichtig – wird auch
wirtschaftlich erfolgreich sein, sofern die Gesetze der
Wirtschaftlichkeit berücksichtigt werden. Auch Aktionäre haben
ein Interesse daran, nicht nur heute Gewinne zu erzielen,
sondern langfristig ihr Vermögen zu mehren.
Welcher
persönlichen Voraussetzungen bedarf es, um den Weg einer
effektiven Führungskraft zu gehen?
In
erster Linie Integrität. „Worte und Gefühle stimmen mit Gedanken
und Handlungen überein. Ohne schlechte Absichten ohne
Vorteilsdenken und ohne Kontrollbedürfnis haben Sie das Wohl
Ihrer Mitarbeiter im Sinn. Sie streben nach Kongruenz und
überprüfen regelmäßig Ihre Ziele“ (Covey, S. R. 1999, S. 65).
„Führungskunst
heißt eine Welt zu erschaffen, der die Menschen zugehören
wollen“
(Gilles Pajou, zitiert in Dilts, R.B. 1998)
Autor:
Kurt H. Steindl, Akademischer Trainer
Literatur
Covey, S. R.:
Die sieben Wege zur Effektivität. Frankfurt: Campus.1992.
Covey, S. R.:
Die effektive Führungspersönlichkeit.
Management by principles. Frankfurt: Campus. 1999.
Csikszentmihalyi, M.: Flow im Beruf. Das Geheimnis des Glücks am Arbeitsplatz. Stuttgart;
Klett-Cotta. 2004
Dilts, R.B.:
Von der Vision zur Aktion. Die Erschaffung einer Welt, der
die Menschen zugehören wollen. Angewandtes NLP. Paderborn:
Junfermann. 1998.
Kehr, H. M.:
Souveränes Selbstmanagement. Ein wirksames Konzept zur
Förderung von Motivation und Willensstärke. Weinheim und
Basel: Beltz. 2002.
Kobjoll, K.:
Motivaction. Begeisterung ist übertragbar. Zürich: Orell
Füssli. 1993.
Lang, K.:
Bildungs-Controlling. Personalentwicklung effizient planen,
steuern und kontrollieren. Wien: Linde. 2000.
Luhmann, N.:
Soziale Systeme. Frankfurt am Main. 1984.
Rassidakis, P.:
Wege der Selbstevolution. Books on Demand. 2001.
Von Cube, F.:
Lust an Leistung. Die Naturgesetze der Führung. München,
Zürich: Piper. 7. Auflage, 2000.
Von Cube, F.:
Fordern statt verwöhnen. Die Erkenntnis der
Verhaltensbiologie in der Erziehung. München, Zürich: Piper.
13. Auflage, 2003.
Wottowa, H./Gluminski, I.: Psychologische Theorien für Unternehmen.Göttingen: Hogrefe.
1995.
Ziegler, A.:
Verantwortungssouveränität. Unternehmensethik heute.
Bayreuth: Josef Schmidt. 1994.
Zur Bonsen, M.:
Führen mit Visionen. Der Weg zum ganzheitlichen Management.
Wiesbaden: Gabler. 1994.
Der
Taylorismus geht zurück auf den
US-Amerikaner Frederick Winslow Taylor. Taylor glaubte, die
Arbeit mit einer rein wissenschaftlichen Herangehensweise
optimieren und damit soziale Probleme lösen und "Wohlstand
für Alle" erreichen zu können. Er führte Prämienlohnsysteme
ein und entwickelte neue, wissenschaftlich begründete
detaillierte Arbeits- und Bewegungsabläufe zur Steigerung
der Leistung der Arbeiter. Dadurch kam es zu einer stark
zunehmenden Rationalisierung in den Betrieben: Die Arbeiter
bekamen eine normgerechte Umgebung mit standardisierter
Beleuchtung, Werkzeugen und Betriebsabläufen. Im Gegenzug
wurde ihnen weniger Selbstbestimmtheit zugesprochen. Der
Arbeiter war jetzt nur noch für die schlichte Handarbeit
zuständig, nicht mehr für die Lösung von Problemen.
„Unternehmensethik ist die Lehre vom gut gemeinten und sachlich
richtigen unternehmerischen Handeln des Menschen, das deswegen
(vor allem gewissensmäßig) zu verantworten ist, weil das
Unternehmen erstens darauf abzielt, die materiellen
Voraussetzungen eines menschenwürdigen Daseins bereitstellen zu
helfen, zweitens dafür sorgt, dass diese materiellen
Voraussetzungen des menschenwürdigen Daseins auch auf
menschenwürdige Weise geschaffen werden, drittens darum zu einem
gelingenden und glückenden Leben beiträgt“ (vgl. Ziegler, A.
1994 S. 104) |