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Die Trickkiste der
Kochkünstler
Stars wie André Jaeger oder Horst Petermann
verraten 21 einfache Küchentipps mit verblüffender Wirkung.
von Gaby Labhart
Wieso steht das in keinem Kochbuch? Was hüten die
Küchenchefs für Geheimnisse, die Amateurköche nie erfahren?
Welche Tricks verbergen die Zauberer am Herd unter ihren Toques?
«Es gibts zwar keiner zu», sagt ein Insider, «aber Aromat steht
in jeder Profiküche. Weil Aromat so unerhört gut zu Kartoffeln
und Wurzelgemüsen wie Schwarzwurzeln oder Knollensellerie
passt.» «Maggi», sagt ein anderer, «aber sie würden es natürlich
nie sagen. Weil jede Consommé mit Maggi noch mehr Farbe und
Körper bekommt.» Und was verraten Sie uns noch? Wir haben für
Sie recherchiert - et voilà: 20 Tipps und Tricks von
Meisterköchen.
1 Aceto balsamico
Nein, nicht den zehnjährigen, den billigen: Auf kleinem Feuer
auf die Hälfte einkochen. In ein Fläschchen abfüllen. Gibt einen
konzentrierten Sirup, der köstlich zu Tomaten, Roquefort oder
Vanilleglace passt. Oder zu Spaghetti, zusammen mit etwas
Olivenöl und Parmesan. Wirkt ausserdem unerhört chic, wenn er
tropfenweise über die Teller verteilt wird.
2 Anbraten
Dies ist eines der hartnäckigsten Rezeptmärchen: Fleisch
anbraten, damit sich die Poren schliessen. Fleisch hat keine
Poren, die sich beim Braten schliessen können. Wieso zischt und
brutzelt es in der Pfanne, wenn angebraten wird? Das kommt vom
austretenden Fleischsaft, der verdampft. Fleisch wird
angebraten, damit es eine schöne Kruste und einen
kräftig-aromatischen Geschmack bekommt. Für den Fall, dass Sie
gerne angeben: Es handelt sich dabei um die Maillard-Reaktion,
kurz gesagt eine Art von Karamellisierung.
3 Blanchieren
Gemüse wird ein paar Minuten lang in kochendes Wasser gegeben
und anschliessend im Eiswasser abgeschreckt. Dadurch erhält es
eine kräftige, schöne Farbe, bleibt knackig. So steht das
üblicherweise in den Kochbüchern. Was nirgends steht: Das gilt
vor allem für grünes Gemüse wie z. B. Spinat, Bohnen, Broccoli.
Bei andern Gemüsen reicht das Abduschen mit kaltem Wasser
vollauf. Trick für die Grünen, damit sie noch grüner werden:
einen Spritzer Zitronensaft oder eine Messerspitze Ascorbinsäure
(Vitamin C) ins Kochwasser geben. Das Gemüse wird so auch
haltbarer.
4 Garzeiten
Die Garstufen von Fleisch, insbesondere von großen Stücken,
etwa einem Roastbeef, sind nicht einfach zu handhaben. Die
meisten holen Hilfe beim Fleischthermometer. Zu dem auch viele
Köche greifen. Andere habens im Griff mit einem einfachen Trick:
eine Nadel in den Braten stecken, herausziehen und an die
Unterseite der Lippen halten, wo die Haut hochempfindsam ist.
Wenn die Nadel noch kalt ist, ist auch der Braten noch zu wenig
gegart. Nicht vergessen: beim Herausziehen der Nadel den
austretenden Fleischsaft anschauen. Wenn er klar austritt, dann
ist das Fleisch durchgebraten.
5 Gelatine
Zum Beispiel Panna Cotta. Da liegt sie im Kühlschrank, wird
schön fest, die Köchin freut sich und will ihr Werk zum
Servieren stürzen. Aber dann passiert Unheimliches: Die Masse
ist nicht homogen, der gelierte Teil sitzt unten in der
Schüssel, oben liegt der leider nicht sehr feste Rahm. Von
Stürzen kann nicht die Rede sein. Was ging schief? Die Gelatine
war beim Auflösen zu heiß oder die heiße Masse wurde zu warm
in ihre Form gefüllt. Kaum ein Rezept, das uns nicht rät, die
Gelatine - nachdem sie in kaltem Wasser aufgeweicht wurde - in
eine heiße Masse einzurühren. Heiß? Von wegen. Mehr als 40
Grad Celsius verträgt Gelatine nicht. Und noch etwas: Rohe Kiwi
und rohe Ananas enthalten ein Enzym, das Gelatine nicht
ausstehen kann. Wer sich je mit einer Kiwi- oder
Ananasquarktorte abgemüht hat, kann davon ein Lied singen.
6 Gerätschaften
Was die Profis in Hobbyküchen am meisten vermissen? Drei Dinge:
gute Messer, nicht viele, aber scharfe. Eine präzise
Küchenwaage. Und eine Sauteuse. Zu Deutsch: Stielpfanne oder
Schwenkkasserolle. Dank ihrer wokähnlichen Form ideal zum
schnellen Braten kleiner Fleischstücke ohne Zugabe von
Flüssigkeit. Oder für glasiertes Gemüse, das während seiner
Zubereitung immer wieder geschwenkt werden sollte.
7 Kaltstellen
Wer mit Blätterteig arbeitet oder beispielsweise eine Mousseline
aus rohem Fisch oder Geflügel, Eiweiß und Rahm herstellen will,
muss darauf achten, dass alles möglichst kalt bleibt. Weil der
Blätterteig nicht mehr aufgeht, weil die Farce gerne gerinnt,
wenn sie zu warm werden. Trick: Das Arbeitsgerät zur
Vorbereitung in den Kühlschrank stellen. Etwa der Oberteil des
Cutters, Mixbecher oder das Kunststoffbrett, auf dem der Teig
ausgewallt wird.
8 Kartoffelstock
Anstatt dem obligatorischen Stück Butter, das man darunter
zieht, rühren Sie zum Schluss etwas braune Butter dazu. Es gibt
dem Kartoffelstock einen intensiveren, leicht nussigen
Geschmack.
9 Kreuzadaptation
Eine Spur zu viel Salz im Risotto? In der Sauce? Geben Sie einen
Spritzer Zitronensaft dazu. Man nennt das eine Kreuzadaptation:
eine schwächere Reaktion des Organismus auf einen Reiz nach
wiederholter Reizung durch eine andere. Kompliziert? Egal, es
funktioniert auch bei Salatsaucen, die zu sauer geraten sind.
Gibt man Zitronensaft zum Essig, so empfinden wir die Säure als
weniger aggressiv.
10 Maroni
Glasierte Kastanien bleiben innen hell, wenn ein Stück
Knollensellerie mitgekocht wird.
11 Notfall
Wenn die großen französischen Saucendiven - Mayonnaise,
Hollandaise, Béarnaise - gerinnen, anstatt zu binden (was in der
nicht immer salonfähigen Küchensprache schlicht und einfach
heißt: «Die Sauce hat geschissen»), gibts nur eins: Ruhe
bewahren und sofort ein Eigelb mit einem Esslöffel warmem Wasser
verrühren. Die geronnene Sauce langsam und in homöopathisch
kleinen Dosen dazugießen und unaufgeregt rühren. Wenn auch das
nichts mehr nützt: weg gießen und neu anfangen.
12 Panieren
Zum Beispiel das Wiener Schnitzel. Es sieht im besten Fall aus
wie ein Ufo: Riesig, flach und von einer Teigwolke umhüllt, so
dünn, dass man durch sie hindurch die Zeitung lesen kann. Die
Geheimnisse? Das Ei, in dem das Schnitzel gewendet wird, nachdem
es gemehlt worden ist, wird nicht nur, wie meistens angegeben,
mit der Gabel kurz aufgerührt, es muss richtig schaumig
geschlagen werden. Dann kommt ein Löffel Schlagrahm dazu. In
Wien nennt man das «Obersei» (Ei mit Schlagobers). Anschließend
wird das Schnitzel in der «Panure» paniert. Kaufen Sie kein
Paniermehl, machen sie es selber: altes Weißbrot auf der
Bircherraffel raffeln. Das Schnitzel darf beim Braten den
Pfannenboden nicht berühren. Also genügend Fett in die Pfanne
geben und während des Bratens ständig schwenken.
13 Rosmarin
Rezepte sind voll von Rosmarin. Dabei gibt es lediglich zwei
Gerichte, in denen er wirklich gut schmeckt: an gebratenen
Kartoffeln und im Bauch von Geflügel. Ganze Zweige irgendwo
beizulegen, nützt gar nichts - außer im Bauch eines Huhns. Für
Bratkartoffeln werden die Nadeln von den Zweigen gezupft und
anschließend fein gehackt. Da gibts aber ein Problem: Beim
Hacken spicken die Nadeln in alle Richtungen. Was tun? Nadeln
mit einem Tropfen Olivenöl übergießen und dann hacken.
14 Salz
Dünne und delikate Fleischstücke, insbesondere Leber, sollte man
nicht vor dem Anbraten würzen. Das Salz zieht das Wasser aus dem
Fleisch, und die Teile werden leicht zu trocken. Diese Mär hält
sich in vielen Rezepten. Ob es nun Absicht ist oder bloße
Schlamperei - irgendwo ist folgender Nachsatz vergessen
gegangen: Wenn das Fleisch nicht sofort verarbeitet wird.
Selbstverständlich können sämtliche Lebern und Filets vor dem
Braten gewürzt werden, man darf sie einfach auf keinen Fall
gesalzen herumstehen lassen.
15 Soufflé
Es gibt nur einen Trick: schnell servieren! Damit das Soufflé
erst am Tisch zusammenfällt und nicht schon in der Küche. Oder
Soufflépumpe benützen. Und nun Spaß beiseite: Man tut brav
alles, wie es im Buche steht, damit das Sensibelchen nicht
zusammenfällt. Extrem sauber und präzis arbeiten. Genau die
Mengenangaben befolgen. Eiweiß schlagen, bis es so steif ist,
«dass es das Gewicht eines ganzen Eis (in der Schale!) aushalten
kann», wie es Hervé This-Benckhard in seinem Buch «Rätsel der
Kochkunst» vorbetet. Nein, schreit der Koch, bloß das Eiweiß
nicht zu lange schlagen. Überschlagenes Eiweiß explodiert
förmlich, sobald es in den Ofen kommt. Das heißt: Es geht auf -
und fällt sofort zusammen, weil es sozusagen keine Luft mehr
hat. Letzter Tipp: Die sichersten Soufflérezepte sind diejenigen
mit Topfen.
16 Tomatensalat
Kleiner Zaubertrick mit großer Wirkung auf das Aroma: Tomaten
schneiden, nicht schälen, fächerförmig auf dem Teller oder der
Platte anrichten, salzen, etwas Olivenöl darüber träufeln, für
zwei, drei Minuten im Ofen bei 70 Grad erwärmen und sofort
servieren.
17 Vanilleschoten
Nochmals am Beispiel des unvermeidlichen Dessertklassikers Panna
cotta. In jedem Rezept steht das Gleiche: Vanilleschote
aufschneiden, mit der Messerspitze das Mark herauskratzen, Rahm
mit Schote, Mark und Zucker köcheln. Und so weiter. Und in jedem
Haushalt passiert anschließend das Gleiche: Das herausgekratzte
Vanillemark sackt auf den Grund der Schüssel ab. Wird die Masse
gestürzt (wenn sie überhaupt gestürzt werden kann - siehe
Gelatine), liegen die schwarzen Pünktchen als hässliche Klumpen
obenauf. Im Restaurant passiert das nie. Weil der Profi weiß,
dass es nicht nötig ist, Vanilleschoten für die Verwendung in
fetthaltigen Substanzen (Rahm, Vollmilch, Butter) auszukratzen.
Fette sind exzellente Aromaträger. Es reicht vollauf, die
Schoten mit einem Pfannenboden zu quetschen und so zu
verarbeiten.
18 Wein
Angaben von Weinhändlern, dieser oder jener Wein passe zu Rind,
Geflügel oder Wild sind für die Katz. Wenn schon, müsste es
heißen: passt zu Curry oder zu Geschmortem oder zu einer
Buttersauce. Das erklärt auch, weshalb die Regel «Weißes
Fleisch und weißer Wein» ungültig ist. Wein darf das Essen
nicht übertreffen. Es geht um die Harmonie, nicht um die
Konkurrenz. Salzige, saure, bittere Aromen lassen Weine milder
erscheinen. Je weniger verschiedene Geschmacksrichtungen auf dem
Teller sind, desto einfacher ist die Weinwahl. Die Temperatur
entscheidet über den Genuss: Weißweine nicht zu kalt, Rotweine
nicht zu warm servieren.
19 Weinsäure
Wenn Flüssigkeit an den heißen Bratensatz in Topf oder Pfanne
gegossen wird, um die Röststoffe zu lösen und anschließend
durch Einkochen eine würzige Sauce herzustellen, nennt man das
Ablöschen. Dies geschieht häufig mit Wein. So weit, so bekannt.
Was nirgends steht: Das Ablöschen muss in kleinen Mengen
erfolgen. Deziliter um Deziliter. Wenn die ganze angegebene
Menge Wein auf ein Mal an das Bratgut gegossen wird, bringt man
die Dominanz der Weinsäure nie mehr aus der Sauce heraus.
20 Weißbrot
Ein Stück Weißbrot im Kochwasser zieht die Bitterstoffe aus
weißen Gemüsen wie Spargel, Blumenkohl, Schwarzwurzeln oder
Endives belges. Apropos Blumenkohl: Den ganzen kochen. Und
anschließend sorgfältig in Röschen zerpflücken. Schmeckt
tausendmal besser.
21 Zugabe
Man müsste einfach alles viel lockerer nehmen, sagt einer der
Größten.
Aus dem Nähkästchen geplaudert haben diese Köche mit insgesamt
102 Gault-Millau-Punkten: Beat Bolliger, Walserhof, Klosters;
Urs Gschwend, Restaurant Spettacolo, Hotel Lenkerhof, Lenk;
André Jaeger, Fischerzunft, Schaffhausen; Thuri Maag, Thuris
Blumenau, Lömmenschwil; Horst Petermann und Rico Zandonella,
Kunststuben, Küsnacht; Christian Weber, Restaurant Lawrence,
Hotel Ascot, Zürich. Und Geni Hess, Genussmensch und
Weinconsulting, Engelberg. Veröffentlichung mit
freundlicher Genehmigung von
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