Essen im Liegen
feiert seine Auferstehung
Gastronomen
lassen sich von antiken Speiseritualen inspirieren / Kellner im
Schlafanzug servieren den horizontalen Gästen Kaviar
Was einem die
Eltern früher verboten haben, darf man jetzt in aller
Öffentlichkeit genießen: Essen im Bett. Nach "Lounging", scheint
nun "Couching" (von Couch = Liegesofa) groß in Mode zu kommen.
Restaurants in den USA, den Niederlanden und der Schweiz machen
vor, wie man seine Gäste erfolgreich in die Horizontale
befördert. Statt strenger Etikette regiert gemütliches
Picknick-Ambiente. Und um die Krümel kümmern sich andere.
Schließlich werden die Bettlaken im Restaurant B.E.D. in Miami (www.bedmiami.com)
täglich gewechselt. B.E.D. steht für Beverage, Entertaining,
Dining (Getränke, Unterhaltung, Speisen). Natürlich ist die
Idee, Essen im Liegen anzubieten, von den Römern geklaut, geben
die Geschäftsführer zu. Zunächst waren sie selbst etwas
skeptisch, ob das Gastrokonzept aus vorchristlicher Zeit im 21.
Jahrhundert Anhänger finden würde.
Serviert wird
im Schlafanzug
Als das
B.E.D. im Jahr 2000 eröffnete, verwandelte sich die anfängliche
Unsicherheit der Gäste schnell in Begeisterung. Der Club ist
ganz in Weiß gehalten. Jeweils zehn Personen können es sich auf
einem Bett voller Kissen bequem machen. Auf einem Tablett in der
Mitte stehen die Speisen. Leicht transparente Vorhänge sorgen
für die private Note auf den Polster-Inseln. Längst ist das
schicke Matratzenlager eines der absoluten Trend-Lokale in
Miami. Die Gäste ziehen ihre Schuhe aus, liegen auf den Betten
und nippen am Champagner während das mit Schlafanzügen
uniformierte Personal Tabletts mit russischem Kaviar serviert.
Puff Daddy fliegt mit seiner New Yorker Gefolgschaft ein, um
eine Party zu feiern. Boris Becker, Lenny Kravitz und Sylvester
Stallone lümmelten sich auch schon auf den Liegen.
Schon Platon
dinierte im Bett
Das Bett
war einst viel mehr als nur Stätte zum Schlafen und Lieben. Der
griechische Philosoph Platon nahm auf seinem Lager gemeinsam mit
Freunden und Schülern seine Mahlzeiten ein und hielt dort ganz
öffentlich Seminare ab. Und selbst in der jüngeren Vergangenheit
finden sich Persönlichkeiten, die unter der Decke nicht nur
Schlummer suchten. Sir Winston Churchill erledigte in den Federn
Büroarbeiten und genoss dort auch seinen geliebten Whisky.
Um unnötiges Kleckern zu vermeiden, werden die Getränke im
B.E.D. mit Strohhalm gereicht. Suppen sucht man vergeblich auf
der Speisekarte. Stattdessen kreiert Küchenchef Vitor Cassasola
ständig neue Gerichte mit französischen, karibischen und
asiatischen Einflüssen, wie Foie gras in Mangosoße, in
Reispapier gewickelte Krabbenküchlein oder Thunfischtartar. Das
Publikum jeden Alters lässt es sich schmecken und gönnt sich
zwischen den einzelnen Gängen noch eine kleine Massage - ein
Service des Hauses. Zu späterer Stunde, wenn das Mahl beendet
ist, wird zu Techno, House oder Hip-Hop auf den "dining beds"
getanzt. Eine äußerst verdauungsfreundliche Maßnahme. Allerdings
soll der Staat Florida die Auflage erteilt haben, dass sich die
Gäste in den Betten "anständig" verhalten müssen.
Trendsetter im
Supperclub
Für das
B.E.D. stand nicht nur Rom Pate, sondern auch Amsterdam. Dort
räkeln sich hungrige und durstige Trendsetter schon seit einigen
Jahren auf den Betten des Supperclubs (www.supperclub.nl).
Die große Akzeptanz zeigt sich daran, dass man bis zu drei
Wochen vorher Plätze reservieren muss. Während die Gäste sich
einerseits auf den Matratzen ausstrecken können, werden im
lichtdurchfluteten, ganz in Weiß gehaltenem Restaurant in der
ersten Etage exquisite Fünf-Gänge-Menüs serviert. Allerdings am
Tisch.Jede Woche tüfteln die Köche Joost de Bruijn, Rene van der
Leden und Michiel van der Eerde neue Gaumenfreuden aus. Ein 112
Seiten umfassendes durchgestyltes Supperclub-Magazin soll die
weltoffene und kreative Haltung des Hauses untersteichen.
Sitzecken im
Indochine
Weit weg
von der cleanen Atmosphäre der Supperclubs, aber nicht minder
edel präsentiert sich der Club Indochine in Zürich (www.club-indochine.ch).
Auch hier laden Betten ähnliche Polstermöbel zum entspannenden
Verweilen ein. Die Macher von Indochine bezeichnen ihr Lokal als
French-Asian-Lounge und als sinnlichsten Club von Zürich.
Für die exotische Inneneinrichtung, den zahlreichen kuscheligen
Sitzecken wurden Materialien aus der ganzen Welt
zusammengetragen. Duftende Räucherstäbchen und riesige
Buddha-Statuen entführen in fernöstliche Kulturen. Weniger
Geschlummer auf den Kissen, dafür mehr Geschwofe zu den Sounds
internationaler DJs.
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