
Das perfekte Abrechnungssystem
Ein Artikel von Kurt H. Steindl, geschäftsführender
Gesellschafter von Gastlichkeit & Co
Abrechnungssysteme, die von vornherein den Mitarbeiter als Dieb
anprangern sind höchst bedenklich. Denn was Sie säen, werden Sie
auch ernten. Behandeln Sie Ihre Mitarbeiter wie Verbrecher, dann
werden Sie auch Verbrecher haben. Beweisen Sie jedoch täglich,
wie viel Vertrauen Sie in Ihre Mitarbeiter setzen, dann wird
dieses Vertrauen auch gewürdigt.
Concerto furioso
Zu Beginn meiner Selbständigkeit stellte ich einen jungen Mann
als Kellner (damals war diese Berufsbezeichnung noch üblich)
ein. Er hatte ein gewinnendes Äußeres, eine sympathische, offene
Art mit den Gästen umzugehen, war fachlich versiert, kurz er
machte mir so richtig Freude. Alles war perfekt. Lediglich die
Tatsache, dass nach wenigen Wochen die Umsätze immer kleiner
wurden, obwohl ein Gästerückgang nicht zu bemerken war. Zuerst
führte ich es auf
ein neues Kostenbewusstsein und damit einen geringeren
Pro-Kopf-Umsatz meiner Gäste zurück. Bis ich eines Tages durch
Zufall den wahren Grund erkannte.
Mein so sorgfältig ausgeklügeltes Abrechnungssystem hatte
Lücken. Mein werter Kellner hatte herausgefunden, dass das
Zählwerk der Kaffeemühle nur dann reagiert, wenn man den
Portionshebel bis zum Anschlag durchdrückte. Zwischen Hebel und
Anschlag einen Kugelschreiber platziert und schon konnte man
herrlich Kaffee zubereiten, ohne die Brieftasche zu belasten.
Das gleiche Spiel bei den Zählwerken der Spirituosen. Zwei
kleine Münzen mit Tape verbunden und bei Bedarf rückwärts unter
dem Anschlag positioniert brachten tägliche
Trinkgeldsteigerungen in ungeahnten Höhen mit sich. Mitgebrachte
Zigaretten und Bacardi-Flaschen vervollständigten das „concerto
furioso“.
Wer hat Schuld?
Heute denke ich, dass die wahre
Schuld bei mir lag! Wie pingelig und übergenau hatte ich jedes
Mal die Abrechnung gestaltet. Ich habe tatsächlich vom ersten
Tag an meinen Mitarbeiter als Dieb behandelt, der nur daran
interessiert ist, mich zu bestehlen. Bei jedem Posten der
Standlisten, hatte ich das Bedürfnis zu zeigen, dass ich mich
nicht über den Tisch ziehen lasse und ganz genau Bescheid wisse,
was hier läuft. In Wahrheit hat sich ein Wettstreit zwischen
meinem Mitarbeiter und mir entwickelt, von dem ich allerdings
nichts wusste: „Wer ist schlauer? Der Chef mit seinen Listen und
penetranten Gehabe oder ich als smarter Kellner mit meinen
Tricks?“ Das Ergebnis war ganz eindeutig. Der junge Mann ließ
mich ziemlich blass aussehen. Ich hatte keine Chance!
Strenge Kontrollen
Trotz dieser schmerzlichen finanziellen Erfahrung lernte ich
nichts daraus. Denn bald darauf passierte mir Ähnliches wieder.
Und rückblickend betrachtet lag die Schuld wieder bei mir. Das
Licht ging mir erst auf, als ich für einige Zeit der
Selbständigkeit den Rücken kehrte und die Möglichkeit bekam,
einen relativ großen Betrieb zu leiten. Ich war damals ein
schlechter Delegierer und hatte alle Hände voll zu tun, den
Betrieb zu führen und aus einer Krise zu steuern. Ich wusste
zwar, dass ich die Kontrolle sträflich vernachlässigte, aber ich
kam beim besten Willen nicht dazu, diese zu vollziehen. Der Tag
hatte nur 24 Stunden und 15, 16 Stunden war ich damit beschäftig
den „Karren aus dem Dreck“ zu ziehen. Und siehe da, die Umsätze
kletterten in die Höhe, die gelangweilten Mitarbeiter begannen
Ideen zu entwickeln, sie machten sogar freiwillig unbezahlte
Überstunden und bereits nach wenigen Monaten kamen wir in die
schwarzen Zahlen. Jubelausbrüche der Mitarbeiter bei neuen
Umsatzrekorden sind Momente, auf die ich heute noch mit Rührung
zurückblicke. Ich konnte langsam zu einem geordneten Leben mit
ein wenig Freizeit zurückkehren und machte aus Zeitüberschuss
prompt einen gravierenden Fehler! Ich führte ein genaues
Abrechnungssystem mit strengen Kontrollen ein.
Zu Dieben degradiert
Ich will es kurz machen. Die Tageslosungen sanken wieder, die
Mitarbeiter hatten wieder einen missmutigen Gesichtsausdruck und
Überstunden machte höchstens ich. Die Mitarbeiter waren nur
unter Zwang dazu bereit. Erst viele Gespräche mit dem Besitzer
später, erkannte ich die Ursache. Zu Beginn meiner Tätigkeit
ließ ich meinen Leuten in Finanzangelegenheiten ziemlich viel
Spielraum, bat um ihre Unterstützung, nahm ihre Ideen auf und
gemeinsam verwirklichten wir viele davon und das Wichtigste, sie
hatten das Gefühl, ich vertraue ihnen. Später wurden sie von mir
zu Dieben degradiert, die es zu kontrollieren galt. Die
Motivation war damit futsch und Dienst nach Vorschrift war die
Folge.
Ich brauchte etwas Zeit für diese Erkenntnis und als ich die
ursprünglichen Zustände weitgehendst wiederherstellte, lief
alles wieder besser. Das zweite Mal blieb allerdings etwas
Misstrauen mir gegenüber erhalten. Ich hatte meine Mitarbeiter
enttäuscht und musste in Folge viel Energie dafür verwenden, sie
von meiner Aufrichtigkeit zu überzeugen.
"Behandeln Sie Ihre Mitarbeiter so, wie Sie möchten, dass diese
Ihre besten Gäste behandeln sollten."
Stephen R. Covey
Ein Mensch ist nur dann vertrauenswürdig, wenn Sie ihm auch
vertrauen. Es liegt an Ihnen, die Spielregeln festzusetzen.
Kontrolle ist gut – Vertrauen ist noch viel besser. Natürlich
dauert es einige Zeit, bis Sie über Ihren Schatten springen
können. Die Menschen spüren es, ob Sie Vertrauen vorspielen oder
tatsächlich leben.
Mehr Lebensqualität
Loslassen
ist ein Prozess, den Sie sich gegen Ihren inneren
Schweinehund erarbeiten müssen. Das können Sie nur dann, wenn
Sie auch innerlich dazu bereit sind. Es gehört schon einen Menge
Mut dazu, denn schließlich geht es ja um das liebe Geld. Aber
wenn Sie Vertrauen wirklich leben und Ihr Ensemble das auch
spürt, dann werden Sie reichlich belohnt!
Die Zeit, die Sie bisher mit Kontrollaufgaben vertan haben,
können Sie nun nutzbringend in den Betrieb investieren. Sie
haben plötzlich Zeit über neue Ideen nachzudenken, neue Aktionen
ins Leben zu rufen, sich intensiv um Ihre speziellen Gäste zu
kümmern und sogar für Ihre Familie bleibt mehr Zeit über. Und
das Beste daran: Ihre Lebensqualität steigt. Ab sofort tragen
Sie keine negativen Gedanken mehr mit sich herum, die die
Abrechnung bisher mit sich brachte. Und diese Lebensqualität
spüren Sie sofort in dem Moment, in dem Sie loslassen können und
wirkliches Vertrauen in Ihre Mitarbeiter haben. Spätestens wenn
Sie seit drei Wochen entspannt in der Hängematte im Urlaub
liegen und keine einziges Mal zuhause angerufen haben, werden
Sie wissen, was ich meine.
Transparenz
Später ging ich soweit, dass meine Mitarbeiter wussten, wie
stolz ich darauf bin, so ehrliche Mitunternehmer zu haben, denen
ich vertraue. Und dieses Vertrauen versuchte ich auch zu leben.
Meine Mitarbeiter kannten alle Zahlen des Betriebes, die
Umsätze, die Gewinne, die Ausgaben, sie kannten mein Einkommen,
die Investitionen und so weiter. Die Bankauszüge wurden von
Ihnen geordnet und natürlich führten sie auch das Kassenbuch.
Absolute Transparenz.
„Ein Mitarbeiter, der über keine Informationen verfügt, kann
keine Verantwortung übernehmen. Ein Mitarbeiter jedoch, der über
alle Informationen verfügt, kann nicht anders als die volle
Verantwortung zu übernehmen.“
Jan Carlson, Vorsitzender der SAS-Fluglinie.
Diese Erfahrung habe auch ich gemacht. Durch lückenlose
Transparenz werden aus Mitarbeitern Mitunternehmer, denn nun
wissen sie, wie der Hase läuft. Sie spüren ihre eigene Bedeutung
im Unternehmen und welchen Beitrag sie zum Erreichen der
gesteckten Ziele leisten. Und das Wunderbarste daran: Die
Produktivität nimmt sprungartig zu.
„Die größte Motivation der Menschen, ist das Verlangen nach
Anerkennung!“
Autor
unbekannt
Wohl gemerkt nicht der Wunsch, sondern das Verlangen nach
Anerkennung!
Autor:
Kurt H.
Steindl, Gastlichkeit & Co - Weiterbildungs- und
Betriebsberatungsges.m.b.H.
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