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Wenn das
Essen zur Nebensache wird
von Lars Feldmann und Thomas Bratschi
Shoppen
oder Essen?
Diese Frage stellen sich Mann und Frau in der kurzen
Mittagspause immer öfter. Und die Entscheidung fällt zunehmend
seltener auf „Essen“. Fazit: Essen über Mittag ist keine primäre
Kunden-Destination mehr. Wie reagiert die Gastronomie, wo liegen
die Potenziale neuer Verpflegungslösungen und wer ist die
treibende Kraft in diesem Wettbewerb um den Magen des Kunden?
Tabea hat’s eilig.
Petra hat ihr von diesem unglaublich schicken Teil, einem
schwarzen Mads Norgaard Jupe, erzählt. Den möchte Tabea haben,
und zwar sofort. Aber in 30 Minuten muss sie wieder am
Arbeitsplatz sein – und gegessen hat sie auch noch nichts. „Kahoona“
heisst die Destination von Tabea, wo sie ihr Bedürfnis nach dem
letzten Modeschrei stillen kann, und gleichzeitig ihren
mittäglichen Kalorienbedarf deckt. Denn in den surf’n board wear
Kleiderladen an der Seefeldstrasse in Zürich kommt nur, wer
durch das „Rush“ geht. „Rush“, eine Kaffee-Bar mitten im
Eingangsbereich zum Kleiderladen bietet ein Sortiment
hochwertiger gekühlter Snacks an.


Kahoona &
Rush im Seefeld, Zürich (Außenansicht & Food-Angebot)
Tabea ist
kein Einzelfall.
Wie die jüngst erschienene Studie „Food Consumption“ der Uni St.
Gallen zeigt, verliert die Mittagsverpflegung in der klassischen
Gastronomie an Bedeutung. Immer häufiger verpflegen sich die
Schweizerinnen und Schweizer direkt am Arbeitsplatz. Dieser ist
bereist zum zweithäufigsten Verzehrort über Mittag avanciert,
hinter dem „Essen zu Hause“, aber noch vor dem Besuch der
Kantine oder eines Restaurants. In den letzten beiden Jahren ist
der CH-Gastronomie durch den Anstieg der Mittagsverpflegung am
Arbeitsplatz ein Umsatz von ca. CHF 190 Mio entzogen worden,
rechnet die Studie vor.
Nicht nur das Mittagessen, auch das Frühstück und insbesondere
das Nachtessen werden immer weniger im Restaurant eingenommen.
Das Ernährungs- und Verzehrverhalten ändern sich radikal - und
fast alle Veränderungen gehen zu Lasten der klassischen
Gastronomie. Die Gewinner der neuen Verzehrgewohnheiten sind
Bäckereien und Fachgeschäfte mit Take Out und Snacking-Angeboten,
Vending-Operators, die warme Theke im Supermarkt und Take Away
Formate.
Essen wird Nebensache
Die Gründe für das veränderte Verzehrverhalten der Kunden sind
bekannt: höhere Mobilität, Zunahme an Single-Haushalten,
stärkere Berufstätigkeit der Frauen etc. Aber sind sich die
Gastronomen auch wirklich der Konsequenzen bewusst? Essen
verkommt – zumindest von Montag bis Freitag – für immer mehr
Menschen zur Nebensache. Es gibt wichtigere und interessantere
Möglichkeiten, die immer kürzere Frei- resp. Pausenzeit unter
der Woche zu nutzen. Telefonieren, sich mit Freunden treffen,
Sport treiben oder Shoppens sind über Mittag angesagt, so hat
eine Umfrage der Werbeagentur Publicis jüngst ergeben.
Mit dem Kunden mitgehen
Und so geht das gastronomische Angebot mit den Kunden mit, als
Sandwich-Bar ins Fitness- Studie oder als Snack-Bar in den
Fashion-Store - aber der Gastronom bleibt meist sitzen, leider.
Die räumliche und zeitliche Flexibilisierung des gastronomischen
Angebots ist in den wenigsten Fällen eine Leistung der
herkömmlichen Gastronomen, sondern von Vertriebskanäle, die
bislang mit Gastronomie wenig am Hut hatten. Zaghaft finden sich
Gastronomen, die ihre Leistungen über den Menuteller hinweg oder
jenseits traditioneller Standorte anbieten. Betriebe mit
Take-Out, Büro- und Heimlieferservices oder mit der Möglichkeit,
kleine Lebensmittelbesorgungen im Restaurant zu tätigen, zeugen
von dieser positiven Entwicklung.
Ein interessantes Beispiel ist das Restaurant Renggergut in
Zürich, ein Sozialprojekt des „Vereins Arbeitskette“. Der
Gastrobetrieb ist selbsttragend, und das nicht zuletzt dank des
kleinen, feinen Sortiments an hausgemachten
Lebensmittelprodukten, die im Restaurant zum Direktverkauf für
Gäste und Kunden bereitstehen. Weshalb dieses Konzept nicht noch
einen Schritt weiterdenken? Das Restaurant im Quartier mit
langen Öffnungszeiten abends und am Wochenende bietet alle
Voraussetzungen, mit einem kleinen Basissortiment an
Lebensmitteln dem Tankstellenshop Konkurrenz zu machen.
Catering in die Firma
Die Firma Sarys S.A. (www.sarys.ch)
hat sich ganz dem Motto „Das Restaurant zum Kunden, nicht den
Kunden in die Beiz“ verschrieben. Sarys bringt den Lunch ins
Büro. Als Business Caterer liefert das Unternehmen im Schnitt
drei Stunden (!) nach Bestelleingang aus, wenn’s schnell gehen
muss bereits nach einer Stunde. Den kochfaulen Berufstätigen
bietet Sarys eine After-Work-Tasche mit einer kompletten,
gesunden Abendmahlzeit an. Das Effizienz-Geheimnis: extrem
flexibel abrufbare Mitarbeiter, Doppelbesetzung aller
Küchenpositionen,
Produktion nur auf Abruf (Just-in-Time).
Die Beispiele zeigen: Das Leistungs-Angebot der Gastronomie kann
und muss flexibler werden, beim Angebot wie auch bezüglich
Verkauf- und Verzehrort. „Das rechnet sich niemals“, so der
O-Ton der meisten Gastronomen. Richtig, wenn man alles selber
machen will. Dabei wächst die Anzahl potenzieller Partner, die
diese Ausweitung des Gastroangebots mit Produkt- und
Verkaufskonzepten unterstützen können. Industrielle
Sandwichproduzenten, Backwarenhersteller, Vending-Operators und
Grosshändler, sie alle haben längst den Schritt vom
Produktelieferant zum Anbieter von Systemlösungen für
verschiedenste Verpflegungssituationen gemacht.
Fazit:
Vielen Gastronomen fehlt heute die Perspektive, die Menschen
nicht nur als Gäste, sondern auch als Kunden zu sehen. Kunden
wollen nicht immer Gäste sein, aber sie haben immer Hunger!
Dieses Potenzial gilt es abzuschöpfen, mit der Food-Kompetenz
und dem Vertrauen, welches die Kunden der Gastronomie weiterhin
zusprechen, mit neuen Partnerschaften und mit dem berechtigten
Selbstvertrauen, dass die eigene kulinarische Leistung unter
einem kundengerechten Zusatzangebot an Produkten, Leistungen
oder Verkaufspunkten nicht leiden, sondern nur gewinnen kann
Veröffentlichung mit
freundlicher Genehmigung von

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